Microsoft 365October 13, 20269 Min. Lesezeit

Aufbewahrung ist kein Backup: Warum Microsoft 365 eine eigene Datensicherung braucht

„Microsoft sichert doch alles.“ Der Satz fällt in fast jedem Gespräch über Datensicherung. Richtig ist: Microsoft schützt den Dienst vor dem Ausfall eines Rechenzentrums. Vor gelöschten Postfächern, überschriebenen Bibliotheken und verschlüsselten OneDrives schützt Sie das nur begrenzt und nur für kurze Zeit.

Microsoft 365 ist hochverfügbar gebaut. Postfächer liegen in mehreren Kopien in verschiedenen Rechenzentren, SharePoint und OneDrive speichern Inhalte redundant. Fällt ein Server oder ein ganzer Standort aus, merkt davon im besten Fall niemand etwas. Das ist Ausfallsicherheit. Eine Datensicherung im eigentlichen Sinn ist es nicht: Wenn ein Inhalt gelöscht, überschrieben oder verschlüsselt wird, repliziert der Dienst genau diesen Zustand zuverlässig in alle Kopien.

Das deutlichste Argument liefert Microsoft selbst. Mit Microsoft 365 Backup verkauft Microsoft seit 2024 ein eigenes, nutzungsabhängig abgerechnetes Sicherungsprodukt, ausdrücklich für Ransomware, versehentliches oder böswilliges Löschen und Überschreiben. Wäre die Grundausstattung dafür ausreichend, gäbe es dieses Produkt nicht.

Geteilte Verantwortung: wer wofür zuständig ist

Bei Cloud-Diensten teilen sich Anbieter und Kunde die Verantwortung. Für Microsoft 365 heißt das vereinfacht:

MicrosoftIhre Organisation
Rechenzentren, Hardware, NetzInhalte in Postfächern, OneDrive, SharePoint und Teams
Verfügbarkeit und Replikation des DienstesKonten, Berechtigungen, Freigaben
Sicherheit der PlattformKonfiguration: Conditional Access, Exchange-Regeln, Richtlinien
Wiederherstellung des Dienstes nach StörungenWiederherstellung von Daten nach Fehlern, Angriffen und Fehlbedienung

Die rechte Spalte ist der Grund für eine eigene Datensicherung. Für Einrichtungen, die unter § 30 BSIG fallen, ist „Backup-Management und Wiederherstellung nach einem Notfall“ ausdrücklich eine Mindestmaßnahme. Der branchenspezifische Sicherheitsstandard für Krankenhäuser verlangt ein Datensicherungskonzept und dokumentierte Wiederherstellungstests.

Was Microsoft 365 von Haus aus bietet

Die eingebauten Wiederherstellungsfunktionen sind nützlich, aber zeitlich eng begrenzt. Stand Oktober 2026 laut Microsoft-Dokumentation:

ObjektEingebaute WiederherstellungFrist
Gelöschte Mails in Exchange OnlineOrdner „Wiederherstellbare Elemente“Standard 14 Tage, maximal 30 Tage einstellbar. Kalenderelemente 120 Tage.
Gelöschtes Postfach (Benutzer gelöscht)Benutzer wiederherstellen30 Tage, danach endgültig entfernt
Dateien in SharePointPapierkorb, erste und zweite Stufe93 Tage ab Löschung, beide Stufen zusammen
Ganzes OneDrive oder ganze BibliothekAuf früheren Zeitpunkt zurücksetzenbis 30 Tage zurück
OneDrive eines gelöschten BenutzersAufbewahrung für gelöschte BenutzerStandard 30 Tage (einstellbar), danach 93 Tage im Papierkorb der Websitesammlung, Wiederherstellung nur per PowerShell
Gelöschte Microsoft-365-Gruppe bzw. gelöschtes TeamGruppe wiederherstellen30 Tage, nicht verlängerbar

Die Frist für wiederherstellbare Elemente lässt sich pro Postfach anheben. Das schadet nicht und kostet nichts:

Get-Mailbox -ResultSize Unlimited | Set-Mailbox -RetainDeletedItemsFor 30
Get-Mailbox -ResultSize Unlimited | Select-Object DisplayName, RetainDeletedItemsFor, SingleItemRecoveryEnabled

Das Problem aller Fristen: Sie laufen ab Löschung, nicht ab Entdeckung. Fällt ein Fehler erst nach drei Monaten auf, etwa bei einer Prüfung, einem Austritt oder einem Rechtsstreit, sind die meisten Wege bereits verschlossen.

Aufbewahrungsrichtlinien: Schutz vor Löschung, keine Wiederherstellung

Häufig wird auf Microsoft Purview verwiesen: Aufbewahrungsrichtlinien und Litigation Hold sorgen dafür, dass nichts endgültig gelöscht wird. Das stimmt, ist aber eine Compliance-Funktion und keine Datensicherung:

  • Kein Zurück auf einen Zeitpunkt. Aufbewahrte Inhalte liegen in versteckten Bereichen wie den wiederherstellbaren Elementen oder der Preservation Hold Library. Ein Postfach oder eine Site lässt sich damit nicht auf den Stand von letztem Dienstag zurücksetzen.
  • Wiederherstellung über eDiscovery. Der Weg zurück führt über Suche und Export. Ordnerstruktur, Berechtigungen und Zusammenhänge müssen Sie danach selbst wiederherstellen. Für ein einzelnes Dokument geht das, für eine verschlüsselte Abteilungsbibliothek nicht.
  • Gleiche Umgebung. Aufbewahrte Daten liegen im selben Tenant wie die Originale. Ein Angreifer mit weitreichenden Administratorrechten bewegt sich in derselben Umgebung.
  • Keine Konfiguration. Richtlinien, Regeln, Gruppenmitgliedschaften und Berechtigungen werden nicht aufbewahrt.

Aufbewahrungsrichtlinien sind trotzdem sinnvoll, und Archivierungspflichten erfüllt man mit einem Archiv. Für die schnelle Rückkehr zu einem funktionsfähigen Zustand braucht es zusätzlich eine Sicherung.

Szenarien, in denen es ohne Backup eng wird

SzenarioWas ohne Backup bleibt
Ransomware verschlüsselt über den Sync-Client OneDrive und eingebundene BibliothekenOneDrive- bzw. Bibliothekswiederherstellung bis 30 Tage, sofern früh bemerkt und nicht auch Versionen betroffen
Kompromittiertes Konto löscht gezielt Mails und DateienPapierkörbe und wiederherstellbare Elemente, wenn der Angreifer sie nicht ebenfalls leert
Fehlerhaftes Skript oder Migrationswerkzeug überschreibt Inhalte massenhaftVersionsverlauf pro Datei, aber kein konsistenter Gesamtstand
Ausgeschiedene Mitarbeitende, Postfach nach 30 Tagen wegNur was archiviert oder durch Aufbewahrung geschützt ist
Team versehentlich gelöscht, Fehler nach sechs Wochen bemerktNichts. Die 30 Tage sind abgelaufen.
Fehlkonfiguration von Regeln oder RichtlinienNur eine vorher exportierte Konfiguration

Die letzte Zeile wird oft vergessen. Datensicherungsprodukte sichern Inhalte, nicht die Konfiguration des Tenants. Exchange-Regeln, Connectors, Conditional Access und Sicherheitsrichtlinien sichern Sie separat, zum Beispiel durch regelmäßige Exporte als JSON, wie im Artikel Mail-Gateway und M365-Backup konsolidieren gezeigt.

Was eine M365-Datensicherung leisten muss

Ob Sie Microsoft 365 Backup, eine Drittanbieter-Lösung oder eine Suite wie Hornetsecurity 365 Total Protection (ab Plan 3 mit Backup) einsetzen: Prüfen Sie diese Punkte.

  • Umfang: Benutzerpostfächer, Archive, freigegebene Postfächer, OneDrive, SharePoint, Teams mit Kanälen. Teams-Chats sind ein eigener Fall. Nicht jede Lösung sichert sie, Microsoft 365 Backup deckt derzeit Exchange Online, OneDrive und SharePoint ab.
  • Häufigkeit und Tiefe: Wie viel Datenverlust ist tolerierbar (Recovery Point Objective), und wie weit müssen Sicherungen zurückreichen? Microsoft 365 Backup bietet je nach Richtlinie drei Monate bis zwei Jahre.
  • Trennung vom Quellsystem: Eigene Anmeldung mit MFA, getrennte Administratorrollen, unveränderbare oder nur anhängende Speicherung. Microsoft 365 Backup speichert bewusst innerhalb der Microsoft-365-Grenze, was schnelle Wiederherstellung ermöglicht, aber keine Kopie außerhalb des Anbieters ist.
  • Speicherort und Nachweise: Rechenzentren in der EU bzw. in Deutschland, Auftragsverarbeitungsvertrag, Testate. Im Gesundheitswesen verlangt § 393 SGB V für die Verarbeitung von Gesundheitsdaten in der Cloud ein aktuelles C5-Testat Typ 2 oder einen gleichwertigen Nachweis.
  • Wiederherstellung: Element, Ordner, Postfach, Datei, Bibliothek, Site, Team. Am Originalort, an einem anderen Ort oder als Export. Mit Rollen, die festlegen, wer was wiederherstellen darf.
  • Schnittstellen: Sicherungen müssen über Microsoft Graph oder die Microsoft 365 Backup Storage-Schnittstelle laufen. Exchange Web Services blockiert Microsoft in Exchange Online seit dem 1. Oktober 2026 standardmäßig, zum 1. April 2027 entfällt es ganz.
  • Überwachung: Meldung bei fehlgeschlagenen Sicherungen und nicht gesicherten neuen Objekten, etwa neu angelegten Teams.
  • Ausstieg: Wie kommen die Daten bei Vertragsende heraus, und in welchem Format?

Tipp: Fragen Sie nicht nur, ob neue Postfächer und Sites automatisch in die Sicherung aufgenommen werden, sondern auch, ob Sie benachrichtigt werden, wenn etwas ausgeschlossen bleibt. Ein Backup, das neue Teams stillschweigend nicht sichert, fällt erst beim Wiederherstellen auf.

Microsoft 365 Backup oder Drittanbieter?

Beide Wege sind legitim, sie lösen unterschiedliche Teile des Problems:

Microsoft 365 BackupDrittanbieter mit eigenem Speicher
Speicherortinnerhalb der Microsoft-365-Grenze, nur anhängende Speicherungbeim Anbieter oder im eigenen Speicher, außerhalb des Tenants
Wiederherstellung großer Mengensehr schnell, Microsoft nennt mehrere Terabyte pro Stunde im Medianabhängig von Anbieter und Microsoft-Drosselung
UmfangExchange Online, OneDrive, SharePointje nach Produkt zusätzlich Teams, teils Endgeräte
Abrechnungnach gesichertem Datenvolumen, Azure-Abonnement nötigmeist pro Benutzer
Abhängigkeitgleicher Anbieter wie das Quellsystemzusätzlicher Anbieter mit eigenem Vertrag und eigenen Nachweisen

Für Organisationen mit hohem Schutzbedarf ist die Kombination naheliegend: schnelle Wiederherstellung im Tenant für den häufigen Fall, eine Kopie außerhalb für den seltenen, schweren Fall. Entscheidend ist, dass die Wahl begründet und im Datensicherungskonzept dokumentiert ist.

Restore-Tests: ohne Test keine Sicherung

Ein Backup ist erst dann eines, wenn die Wiederherstellung nachweislich funktioniert. Wir empfehlen einen festen Testplan mit dokumentierten Ergebnissen:

TestTurnus (Vorschlag)Was gemessen wird
Einzelne Mail und KalenderelementquartalsweiseVollständigkeit, Anhänge, Ordner
Komplettes Postfach in alternatives ZielhalbjährlichDauer, Elementanzahl im Vergleich
OneDrive auf Zeitpunkt vor simuliertem SchadenhalbjährlichDauer, Versionen, Freigaben
SharePoint-Bibliothek bzw. SitehalbjährlichDauer, Metadaten, Berechtigungen
Team mit Kanälen und DateienjährlichWas zurückkommt und was nicht
Großschaden: viele OneDrives gleichzeitigjährlich als ÜbungRealistische Wiederherstellungszeit für die Notfallplanung

Der letzte Test liefert die wichtigste Zahl: Wie lange dauert es, nach einem Angriff hundert oder tausend Konten zurückzuholen? Diese Zahl gehört in den Notfallplan, sonst plant dieser mit einer Annahme.

Checkliste

  • Wiederherstellbare Elemente in Exchange Online auf 30 Tage angehoben
  • Datensicherung für Exchange Online, OneDrive, SharePoint und Teams mit definiertem Umfang
  • Recovery Point Objective und Aufbewahrungstiefe schriftlich festgelegt
  • Sicherung getrennt administriert, mit MFA und unveränderbarer Speicherung
  • Speicherort, AVV und Testate geprüft
  • Keine Abhängigkeit mehr von Exchange Web Services
  • Tenant-Konfiguration separat exportiert
  • Restore-Tests nach Plan durchgeführt und dokumentiert

Fazit

Microsoft 365 schützt zuverlässig vor dem Ausfall von Technik. Gegen menschliche Fehler, Angriffe und spät entdeckte Schäden bietet es Fristen von 14 bis 93 Tagen und Werkzeuge, die für Compliance gebaut sind, nicht für die schnelle Rückkehr in den Betrieb. Eine eigene Datensicherung mit klarer Aufbewahrung, getrennter Administration und regelmäßig getesteter Wiederherstellung schließt diese Lücke. Wie wir das aufsetzen und betreiben, beschreibt unsere Seite zum M365-Backup.

Nils Lappenbusch

Nils Lappenbusch

Microsoft Certified Trainer · Exchange- und M365-Experte

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