Microsoft 365October 11, 20268 Min. Lesezeit

Jährliche Compliance-Prüfung für Microsoft 365: wiederholbar statt Einmal-PDF

Eine Compliance-Prüfung des Microsoft-365-Tenants ist schnell beauftragt und schnell vergessen. Der Bericht landet im Ordner, im nächsten Jahr prüft jemand anders mit anderer Methode. Ob sich etwas verbessert hat, kann dann niemand sagen.

Eine jährliche Prüfung hat einen anderen Zweck als die laufende Bewertung einzelner Änderungen. Sie fragt nicht, ob eine bestimmte Funktion richtig eingeführt wurde, sondern ob der Tenant als Ganzes dem entspricht, was Datenschutz, Informationssicherheit und Vereinbarungen verlangen. Weil sich Microsoft 365 laufend verändert, ist die Antwort jedes Jahr eine andere.

Damit die Prüfung über die Jahre etwas aussagt, muss sie wiederholbar sein: gleicher Katalog, gleiche Methode, nachvollziehbare Belege. Dieser Artikel beschreibt, wie man das aufbaut.

Der Prüfkatalog: aus welchen Anforderungen er entsteht

Der Katalog ist das Herzstück. Er übersetzt allgemeine Anforderungen in konkrete, prüfbare Einstellungen. Typische Quellen sind:

  • DSGVO: vor allem die Sicherheit der Verarbeitung (Art. 32), das Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten (Art. 30) und die Auftragsverarbeitung (Art. 28).
  • Bereichsspezifisches Recht: Für Sozialversicherungsträger gelten zusätzlich das Sozialgeheimnis nach § 35 SGB I und der Sozialdatenschutz nach §§ 67 ff. SGB X. § 80 SGB X stellt eigene Anforderungen an die Verarbeitung von Sozialdaten im Auftrag. Andere Branchen haben ihre eigenen Vorgaben.
  • Interne Vorgaben: Informationssicherheitsleitlinie, Berechtigungskonzept, Löschkonzept, Dienstvereinbarungen mit ihren Anlagen.
  • Technische Referenz: Der CIS Microsoft 365 Foundations Benchmark liefert konkrete, prüfbare Empfehlungen. Er ist kein Gesetz, aber eine anerkannte Messlatte für die Security-Konfiguration.

Jeder Prüfpunkt im Katalog hat eine eindeutige Kennung, eine Beschreibung des Sollzustands, die Quelle der Anforderung und die Methode, mit der er geprüft wird. Der Katalog wird zu Beginn mit Datenschutz, Informationssicherheit und IT abgestimmt und dann jedes Jahr fortgeschrieben. Prüfpunkte werden ergänzt oder angepasst, aber nicht stillschweigend gestrichen.

Was typischerweise geprüft wird

Sechs Bereiche decken fast alles ab, was Datenschutz, Informationssicherheit und Mitbestimmung an einem Microsoft-365-Tenant interessiert. Klappen Sie einen Bereich auf, um die einzelnen Prüfpunkte und einen typischen Befund zu sehen.

Identität & ZugriffWer kommt wie rein, und mit welchen Rechten? 8 Prüfpunkte

Was wir prüfen

  • Conditional-Access-Richtlinien und ihre Ausnahmen
  • MFA-Abdeckung und erlaubte Methoden, phishing-resistente Verfahren
  • Legacy-Authentifizierung blockiert
  • Anzahl und Schutz privilegierter Rollen
  • Notfallkonten: ausgenommen, geschützt, überwacht
  • Privileged Identity Management für Admin-Rollen
  • Einwilligung in Apps durch Benutzer
  • Gastzugriff und Einladungsrechte

Typischer Befund Kritisch

Sieben dauerhaft zugewiesene globale Administratoren, kein PIM.

Soll
Weniger als fünf globale Admins (Microsoft-Empfehlung), Rollen nur bei Bedarf aktiviert.
Maßnahme
Rollen reduzieren, PIM mit Genehmigung und Begründung einführen.
Datenstandort & Microsoft-EinstellungenWo liegen die Daten, und was darf Microsoft sehen? 6 Prüfpunkte

Was wir prüfen

  • Datenstandort des Tenants je Dienst
  • EU Data Boundary
  • Customer Lockbox (sofern lizenziert)
  • Diagnosedaten der Office-Apps
  • Optionale verbundene Erfahrungen
  • Datenschutzeinstellungen per Cloud-Richtlinie

Typischer Befund Prüfen

Optionale verbundene Erfahrungen für alle Benutzer aktiv, ohne dokumentierte Entscheidung.

Soll
Bewusst entschieden und per Cloud-Richtlinie gesetzt, im Verarbeitungsverzeichnis vermerkt.
Maßnahme
Richtlinie im Office-Cloud-Richtliniendienst setzen, Entscheidung dokumentieren.
Freigaben & InformationsschutzWas verlässt das Haus, und wer merkt es? 6 Prüfpunkte

Was wir prüfen

  • Externe Freigabe in SharePoint und OneDrive, organisationsweit und je Site
  • Standard-Linktyp und Ablauf von Links
  • Gast- und Teams-Richtlinien
  • Vertraulichkeitsbezeichnungen: veröffentlicht und genutzt
  • DLP-Richtlinien und ihre Wirkung
  • Freigaben aus OneDrives ausgeschiedener Mitarbeitender

Typischer Befund Kritisch

Standardlink „Jeder mit dem Link“, ohne Ablaufdatum.

Soll
Standardlink „Personen in Ihrer Organisation“, anonyme Links nur mit Ablauf oder gar nicht.
Maßnahme
Freigabestufen je Site festlegen, bestehende anonyme Links auswerten und bereinigen.
Aufbewahrung & ProtokollierungBleibt, was bleiben muss, und verschwindet der Rest? 6 Prüfpunkte

Was wir prüfen

  • Aufbewahrungsrichtlinien im Abgleich mit dem Löschkonzept
  • Konflikte zwischen Aufbewahrung und Löschung
  • Audit-Protokollierung aktiv
  • Aufbewahrungsdauer der Audit-Daten
  • Postfach-Überwachung
  • Dokumentierte Aufbewahrungssperren (Holds)

Typischer Befund Prüfen

Audit-Daten werden 180 Tage aufbewahrt, das Löschkonzept verlangt ein Jahr Nachvollziehbarkeit.

Soll
Aufbewahrung der Audit-Daten passend zum eigenen Konzept, Lücke bewusst geschlossen oder begründet.
Maßnahme
Audit-Aufbewahrungsrichtlinie (lizenzabhängig) oder Export in ein eigenes Log-Archiv.
BeschäftigtendatenLässt sich Leistung oder Verhalten auswerten? 5 Prüfpunkte

Was wir prüfen

  • Anonymisierte Namen in Nutzungsberichten
  • Auswertungsfunktionen in Teams und Viva
  • Copilot-Dashboard und Nutzungsberichte
  • Adoption Score
  • Abgleich mit Dienst- oder Betriebsvereinbarung

Typischer Befund Prüfen

Klarnamen in den Nutzungsberichten des Admin Centers sichtbar.

Soll
Namen in Berichten verborgen, wie in der Betriebsvereinbarung festgelegt.
Maßnahme
Einstellung im Admin Center umstellen, Ausnahmen für berechtigte Rollen dokumentieren.
E-Mail-SicherheitKommt Schadcode rein, oder gehen Daten unbemerkt raus? 6 Prüfpunkte

Was wir prüfen

  • Schutzrichtlinien in Defender und Exchange Online
  • Safe Links und Safe Attachments
  • SPF, DKIM und DMARC aller Domains
  • Automatische Weiterleitung nach extern
  • Posteingangsregeln mit externer Weiterleitung
  • SMTP AUTH und Direct Send

Typischer Befund Kritisch

Drei Postfächer leiten automatisch an private Adressen weiter.

Soll
Automatische Weiterleitung nach extern gesperrt, Ausnahmen begründet und befristet.
Maßnahme
Ausgehende Spamrichtlinie anpassen, Weiterleitungen mit Fachbereich klären und beenden.

Befunde sind typische, anonymisierte Beispiele. Jeder Bereich ist einzeln oder als Gesamtprüfung buchbar.

Wie ein vollständiger Bericht aussieht und wie sich die Bereiche einzeln buchen lassen, zeigen wir auf der Seite M365-Datenschutz- und Konformitätsprüfung.

Die Methode: lesend, skriptbasiert, mit Rohdaten

Die Erhebung sollte nichts verändern. Lesende Rollen wie Global Reader, Security Reader und lesende Rollen in Purview reichen für fast alle Prüfpunkte. Zugriff auf Inhalte von Postfächern, Chats oder Dokumenten ist nicht nötig. Das ist besonders wichtig, wenn im Tenant Sozialdaten oder andere besonders geschützte Daten liegen.

Erhoben wird per Skript, etwa mit Microsoft Graph PowerShell und dem Exchange-Online-Modul. Für viele Punkte gibt es auch Open-Source-Werkzeuge wie Maester oder ScubaGear, die sich als Ausgangspunkt eignen. Entscheidend ist nicht das Werkzeug, sondern dass die Rohdaten mit Zeitstempel gespeichert werden. Bewertet wird in einem zweiten Schritt, getrennt von der Erhebung. So lässt sich jeder Befund später auf die Daten zurückführen, aus denen er stammt.

Ein Screenshot ist kein Beleg im Sinne einer wiederholbaren Prüfung. Er zeigt einen Ausschnitt zu einem Zeitpunkt und lässt sich im Folgejahr nicht automatisch vergleichen. Exportierte Konfigurationsdaten schon.

Bewerten: Befund, Risiko, Empfehlung

Jeder Prüfpunkt erhält einen Befund: erfüllt, teilweise erfüllt, nicht erfüllt oder nicht anwendbar. Dazu der Beleg, eine Einschätzung des Risikos und eine konkrete Empfehlung. Bei „nicht anwendbar“ steht eine Begründung. Eine bewusste Abweichung, etwa weil eine Einstellung ein Fachverfahren stören würde, ist kein Mangel, wenn sie dokumentiert und genehmigt ist. Sie wird als solche ausgewiesen.

Der Microsoft Secure Score und der Compliance Manager in Purview sind nützliche Indikatoren. Als Prüfmaßstab taugen sie allein nicht, weil sie Microsofts Gewichtung folgen und nicht Ihren Anforderungen.

Vergleichen: Vorjahr und andere Tenants

Der eigentliche Wert entsteht ab dem zweiten Jahr. Mit gleichem Katalog und gleicher Methode zeigt der Bericht, was sich verbessert hat, was sich verschlechtert hat und welche Prüfpunkte neu sind. Verschlechterungen sind oft nicht beabsichtigt: Ein neuer Standardwert von Microsoft, eine schnelle Änderung im Admin-Portal oder eine vergessene Ausnahme aus einem Projekt.

Betreiben mehrere Organisationen eigene Tenants nach ähnlichen Anforderungen, lohnt zusätzlich der Tenantvergleich. Er zeigt, wo eine Organisation bereits eine gute Lösung hat, die andere übernehmen könnten, und wie weit die Tenants von einem gemeinsamen Zielbild entfernt sind.

Der Bericht: für wen er geschrieben ist

  1. Management-Summary: zwei Seiten für Leitung, Datenschutz und Informationssicherheit. Gesamtbild, wichtigste Risiken, Entwicklung zum Vorjahr, Entscheidungsbedarf.
  2. Maßnahmenliste: priorisiert, mit Aufwandsschätzung und Zuständigkeit. In einer Form, die direkt in die Planung übernommen werden kann.
  3. Detailbefunde: je Prüfpunkt Sollzustand, Istzustand, Beleg, Befund und Empfehlung. Für das Betriebsteam und für die nächste Prüfung.
  4. Anhang: Prüfkatalog, Methode, eingesetzte Rollen und Skripte, Zeitpunkt der Erhebung.

Typische Befunde

Welche Befunde auftreten, hängt stark vom Tenant ab. Erfahrungsgemäß tauchen diese Themen häufig auf:

  • Notfallkonten fehlen, sind nicht von Conditional Access ausgenommen oder ihre Anmeldung wird nicht überwacht.
  • Benutzer dürfen selbst in Apps einwilligen, die auf Unternehmensdaten zugreifen.
  • Externe Freigabe ist breiter erlaubt, als es das Konzept vorsieht, oder Standardlinks sind für „jeden mit dem Link“ gesetzt.
  • Nutzungsberichte zeigen Namen, obwohl die Vereinbarung Anonymisierung vorsieht.
  • Aufbewahrungsrichtlinien fehlen oder widersprechen dem Löschkonzept.
  • Privilegierte Rollen sind dauerhaft statt zeitlich begrenzt zugewiesen.

Was die Prüfung nicht ersetzt

Eine Konfigurationsprüfung ist keine Datenschutz-Folgenabschätzung, kein Penetrationstest und keine rechtliche Bewertung. Sie zeigt, ob der Tenant so eingestellt ist, wie es die Anforderungen verlangen. Ob die Anforderungen selbst vollständig sind, entscheiden Datenschutz und Informationssicherheit. Die Prüfung liefert ihnen dafür die Faktenbasis.

Zwischen zwei Jahresprüfungen hält ein laufendes Evergreen-Management den Tenant auf Kurs. Unser Angebot für beides finden Sie unter Microsoft-365-Evergreen & Compliance-Prüfung.

Nils Lappenbusch

Nils Lappenbusch

Microsoft Certified Trainer · Exchange- und M365-Experte

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